Retreats nur für Frauen?
Immer wieder werde ich gefragt, warum meine Retreats ausschließlich für Frauen gedacht sind – warum Männer nicht teilnehmen dürfen. Ich finde diese Frage interessant, ja fast ein wenig amüsant. Denn es gibt viele männerdominierte Räume oder Clubs, in denen Frauen traditionell ausgeschlossen sind, und das wird selten kritisch hinterfragt. Wenn Frauen jedoch einen Raum für sich beanspruchen, sorgt das offenbar schneller für Irritation.
Aber keine Sorge: Meine Retreats sind keineswegs gegen Männer gerichtet. Es geht mir nicht darum, jemanden auszuschließen – sondern darum, Frauen gezielt einen geschützten Raum zu bieten. Und das aus gutem Grund.
Frauen allein durch Patriarchat
Seit vielen Jahren begleite ich Frauen in ihrer persönlichen Entwicklung, unterstütze sie durch Coaching und helfe ihnen dabei, ein erfüllteres, selbstbestimmteres Leben zu führen. Dabei wird mir immer klarer, wie tiefgreifend der Einfluss des Patriarchats ist – auf unser Denken, Fühlen und Handeln. Wir alle, auch wir Frauen, sind in einer Gesellschaft sozialisiert worden, die männliche Perspektiven in den Mittelpunkt stellt. Viele unserer Herausforderungen haben genau dort ihre Wurzeln.
Ein Aspekt, der im Patriarchat besonders auffällt, ist die systematische Vereinzelung von Frauen. Das Wort Patriarchat bedeutet „Herrschaft der Väter“. Und jede Form von Herrschaft funktioniert besser, wenn sie Spaltung erzeugt – denn wer isoliert ist, ist leichter zu kontrollieren. Schon früh wurden weibliche Bündnisse gezielt unterdrückt, weil sie eine Bedrohung für die patriarchale Ordnung darstellten. Diese jahrhundertealte Spaltung wirkt bis heute nach.
Überleben ohne Mann – schwierig im Patriarchat
Hinzu kommt: Über viele Generationen konnten Frauen nur überleben, wenn sie einem Mann „gehörten“. Das hat Konkurrenzdenken unter Frauen gefördert – besonders im Ringen um männliche Anerkennung oder Versorgung. Diese Dynamik ist tief in uns verankert, auch wenn wir sie heute vielleicht nicht mehr wollen. Unsere Konditionierungen wirken oft unbewusst – und genau deshalb so kraftvoll.
Für mich ist es ein Herzensanliegen, Frauen wieder in Verbindung zu bringen. Vertrauen aufzubauen. Gemeinsam hinzusehen, wo wir stehen, was uns trennt – und was uns verbindet. Denn wenn wir erkennen, wie sehr wir eigentlich im selben Boot sitzen, können wir beginnen, ein neues Miteinander zu gestalten.
Ein geschützter Raum – wie ein Frauen-Retreat – kann genau das ermöglichen: Begegnung auf Augenhöhe, ehrlichen Austausch, gemeinsames Wachsen. Nicht im Wettbewerb, sondern in Solidarität.
Fünf Impulse, wie du deine patriarchale Sozialisierung hinterfragen und weibliche Gemeinschaft stärken kannst:
1. Vergleiche dich nicht mit anderen Frauen
Du kennst das bestimmt: Du siehst eine andere Frau – und zack, beginnst du, dich zu vergleichen. Sie hat schönere Haare, eine schlankere Figur, ist erfolgreicher im Job … Doch diese Vergleiche führen fast immer dazu, dass du dich schlechter fühlst. Beim nächsten Mal, wenn du dich beim Vergleichen ertappst, halte kurz inne und frage dich: Würde ich wirklich komplett mit ihr tauschen wollen?
Wahrscheinlich nicht – denn auch sie hat ihre eigenen Herausforderungen, Unsicherheiten, Sorgen. Vielleicht sieht sie ihre vermeintlichen „Vorteile“ selbst gar nicht und ist ebenfalls hart zu sich. Statt dich klein zu fühlen, dreh den Spieß um: Mach ihr ein ehrliches Kompliment. Beobachte, was das mit ihr – und mit dir – macht.
2. Werte andere Frauen nicht ab
Frauen gibt es in allen Formen, Farben und Persönlichkeiten: groß, klein, laut, leise, kurvig, dünn, blond, brünett – und jede ist auf ihre Weise einzigartig. Es macht dich nicht größer, wenn du andere kleiner machst.
Ich meide bewusst Medienformate, in denen Frauen ständig bewertet und verurteilt werden – zu dick, zu dünn, zu frech, zu still, zu irgendwas. Ganze Branchen, Verlage und TV-Formate leben vom Frauen-Bashing. Solche Urteile vergiften unser Selbstbild und unser Miteinander. Stattdessen: Übe dich darin, das Besondere in jeder Frau zu sehen. Das gelingt nicht immer auf Anhieb, aber mit der Zeit wirst du merken, wie sehr es dein eigenes Denken verändert.
3. Im Zweifel für die Frau
Das klingt vielleicht ungerecht – weil wir es anders gewohnt sind. Tatsächlich wird Frauen oft reflexartig die Schuld zugeschoben. Als ich mich von meinem Mann trennte, hörte ich: „Kein Wunder, du bist ja so unabhängig – das halten Männer nicht aus.“ Andere Frauen hören: „Kein Wunder, dass er gegangen ist – sie war halt zu langweilig.“ Immer wieder dieses „zu“ …
Fakt ist: Die meisten Trennungen werden von Frauen initiiert – und trotzdem wird ihnen oft die Verantwortung allein zugeschoben. Achte einmal bewusst darauf, wenn du selbst so urteilst. Und dann: Verbinde dich gedanklich mit der Frau. Frag dich, was sie gerade durchmacht. So entsteht Mitgefühl statt Urteil – und Verbundenheit statt Distanz.
4. Kooperiere bewusst mit anderen Frauen
In vielen beruflichen Kontexten erleben wir es leider: Frauen, die oben angekommen sind, öffnen selten Türen für andere Frauen. Auch auf politischer Ebene hat sich daran lange wenig geändert – 16 Jahre Angela Merkel haben kaum strukturelle Verbesserungen für Frauen gebracht.
Doch jede von uns kann etwas verändern. Kooperiere ganz bewusst mit anderen Frauen, unterstütze sie, teile Wissen, Ressourcen, Netzwerke. Gleichstellung entsteht nicht von allein – und Männer werden sie uns nicht schenken. Wir müssen sie gemeinsam gestalten.
5. Gründe selbst Frauengruppen
Warte nicht darauf, dass sich irgendwo eine passende Gruppe bildet – nimm es selbst in die Hand. Es braucht keine perfekte Struktur, kein großes Konzept. Lade einfach ein paar Frauen ein, die du schätzt oder mit denen du dich verbunden fühlst – und schafft euch gemeinsam einen Raum für Austausch, Unterstützung und Wachstum.
Ob als regelmäßiger Gesprächskreis, als Spaziergangsgruppe, Online-Treffen oder kreatives Projekt: Wenn Frauen zusammenkommen, entsteht Kraft. Ihr könnt Erfahrungen teilen, euch gegenseitig ermutigen, voneinander lernen – ohne Bewertung, ohne Konkurrenz.
Gerade in einer Welt, in der Individualismus oft über Gemeinschaft gestellt wird, ist das ein kleiner Akt des Widerstands – und ein großer Schritt hin zu mehr weiblicher Solidarität. Du musst keine Expertin sein. Du musst nur anfangen.
Langsam können wir gemeinsam unsere Konditionierungen überwinden und vielleicht sogar das Patriarchat hinter uns lassen. Dazu braucht es Raum, Raum für Übung, für Austausch, für Stärkung! lass uns diesen Raum gemeinsam schaffen!