Die Story, die du über dich glaubst

Ich war letztes Wochenende auf dem Greator Festival – zwei Tage voller Speaker, Workshops und Vorträge von bekannten und weniger bekannten Coaches und Trainer. Obwohl ich nicht wirklich etwas völlig

Ich war letztes Wochenende auf dem Greator Festival – zwei Tage voller Speaker, Workshops und Vorträge von bekannten und weniger bekannten Coaches und Trainer.

Obwohl ich nicht wirklich etwas völlig Neues gehört habe, bin ich inspiriert und innerlich sortierter nach Hause gefahren. Es hat einfach gutgetan, zwei Tage lang immer wieder zu hören: Du bist okay, so wie du bist. Geh deinen eigenen Weg. Gestalte dein Leben so, wie es zu dir passt.

Bei einem Festival, auf dem sich alles um persönliche Weiterentwicklung dreht, begegnet einem ein Begriff immer wieder: Mindset. Fast jede spricht darüber, wie wichtig es ist, seine Glaubenssätze zu verändern oder sein Mindset neu auszurichten.

Dabei ist mir aufgefallen, wie selbstverständlich wir Coaches mit diesem Begriff umgehen und wie wenig letztlich viele Menschen darüber wissen, was eigentlich dahintersteckt.

 

Woher kommen unbewusste Mindsets?

Wir sammeln nämlich unser ganzes Leben lang Meinungen und Überzeugungen über uns selbst. Das geschieht nicht bewusst. Unser Gehirn ist ständig damit beschäftigt, Erfahrungen einzuordnen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Es fragt gewissermaßen ununterbrochen: Was muss ich über mich und die Welt wissen, um gut durchs Leben zu kommen?

Je nachdem, welche Situationen wir erlebt haben, welche Botschaften wir von unseren Eltern, Lehrer, Freund oder anderen wichtigen Menschen gehört haben und welche Erfahrungen wir immer wieder gemacht haben, entstehen hilfreiche oder weniger hilfreiche Überzeugungen. Mit der Zeit hinterfragen wir sie nicht mehr. Sie werden zu einem Teil unseres inneren Betriebssystems und steuern unser Denken, Fühlen und Handeln, ohne dass wir es merken.

Vielleicht hat jemand zu dir gesagt, du seist zu laut oder zu frech. Vielleicht warst du drei Jahre alt und hast zum ersten Mal das Gefühl bekommen, dass du so, wie du bist, nicht richtig bist. Mit fünf bist du voller Stolz in einem selbst zusammengestellten Outfit herumgelaufen und deine Oma sagte: „Was sollen denn die Leute denken?“ Vielleicht hast du daraus geschlossen, dass es wichtiger ist, anderen zu gefallen, als deinen eigenen Geschmack ernst zu nehmen.

Mit zehn wurdest du von einem Lehrer vor der Klasse bloßgestellt und dachtest zum ersten Mal, dass du wohl nicht besonders klug bist. Mit dreizehn machte eine Freundin eine Bemerkung über deinen Körper und plötzlich war da die Überzeugung, nicht schön genug zu sein.

Keine dieser Erfahrungen muss für sich genommen dramatisch gewesen sein. Aber Kinder erleben die Welt anders als Erwachsene. Sie können das Verhalten anderer noch nicht einordnen. Sie denken nicht: Meine Lehrerin hatte heute einen schlechten Tag. Oder: Meine Oma ist selbst mit der Angst vor der Meinung anderer groß geworden.

Kinder ziehen einen viel einfacheren Schluss: Mit mir stimmt etwas nicht.

 

Welche Konsequenzen haben Mindsets?

All diese Erfahrungen hinterlassen Spuren in unserem System. Unser Gehirn speichert Erinnerungen nicht wie Fotos ab, sondern bildet Verbindungen zwischen Nervenzellen. Besonders Erlebnisse, die mit starken Gefühlen wie Angst, Scham oder Freude verbunden sind, prägen sich tief ein. Gleichzeitig lernt auch unser Nervensystem. Deshalb erinnern wir uns nicht nur mit dem Kopf an belastende Erfahrungen – oft reagiert auch unser Körper mit Anspannung, Herzklopfen oder dem Impuls, uns zurückzuziehen.

Viele Jahre später stehst du dann als erwachsene Frau vor einer Situation, die mit deiner Kindheit scheinbar nichts mehr zu tun hat. Du sollst eine Präsentation halten, dich auf eine neue Stelle bewerben oder mit deiner Selbstständigkeit sichtbar werden. Mit deinem Verstand weißt du, dass du das schaffen kannst. Trotzdem ist da etwas in dir, das auf die Bremse tritt.

Plötzlich ist sie wieder da, diese innere Stimme: Sei lieber leise. Mach dich nicht lächerlich. Andere können das besser.

Du verstehst nicht, warum du dich selbst ausbremst. Doch genau hier wirken deine unbewussten Überzeugungen. Dein Gehirn erkennt eine Situation, die sich ähnlich anfühlt wie frühere Erfahrungen, und aktiviert vorsorglich alte Schutzmechanismen. Nicht, weil heute tatsächlich Gefahr besteht, sondern weil diese Strategien dir früher einmal geholfen haben.

Dein Gehirn – oder besser gesagt: dein gesamtes System – ist nicht dafür gemacht, dir das bestmögliche Leben zu ermöglichen. Seine wichtigste Aufgabe ist es, dein Überleben zu sichern.

Wenn du das liest, hat dein Gehirn seine Aufgabe erfüllt. Es hat dafür gesorgt, dass du mit den Erfahrungen, die du gemacht hast, irgendwie durchs Leben gekommen bist. Die Strategien, die du als Kind entwickelt hast, waren damals oft klug und notwendig. Dass sie dir heute manchmal im Weg stehen, bedeutet nicht, dass sie falsch waren – sondern nur, dass dein Leben sich verändert hat und dein Gehirn jetzt etwas Neues lernen darf.

 

Wie du deine Mindsets verändern kannst

Die gute Nachricht ist: Was dein Gehirn gelernt hat, kann es auch wieder neu lernen. Das passiert allerdings nicht von heute auf morgen und auch nicht allein dadurch, dass du einen Blogartikel liest. Veränderung ist ein Prozess. Sie beginnt mit Bewusstheit und braucht anschließend neue Erfahrungen.

  1. Identifizieren

Der erste Schritt besteht darin, deine unbewussten Überzeugungen sichtbar zu machen. Viele von ihnen laufen so automatisch ab, dass sie uns gar nicht mehr auffallen. Deshalb lohnt es sich, sie einmal ganz bewusst aufzuschreiben.

Welche Gedanken hast du über dich selbst? Welche Sätze tauchen immer wieder auf – egal wie absurd sie dir erscheinen? Vielleicht denkst du: Das kann ich nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich bin zu laut. Ich bin zu sensibel. Mich braucht sowieso niemand.

Gehe dein Leben gedanklich einmal von der Kindheit bis heute durch. Was wurde dir über dich gesagt? Welche Situationen sind dir besonders in Erinnerung geblieben? Was hast du damals über dich selbst geglaubt?

Oft hilft es auch, Menschen zu fragen, die dich gut kennen. Sie hören häufig Sätze, die wir selbst gar nicht mehr wahrnehmen. Denn was wir immer wieder über uns sagen, ist oft viel mehr als eine flüchtige Bemerkung – es verrät unsere tiefen Überzeugungen.

Nimm dir Zeit für diese Liste. Je vollständiger sie wird, desto klarer erkennst du, welche Gedanken dein Leben bisher geprägt haben.

  1. Verstehen

Im zweiten Schritt geht es nicht darum, deine Gedanken zu bewerten, sondern sie zu verstehen.

Frage dich: Woher kommt dieser Satz? Wann habe ich angefangen, so über mich zu denken? Welche Erfahrung könnte dahinterstecken?

Und dann wird es spannend: Welches Verhalten hast du entwickelt, um mit dieser Überzeugung umzugehen?

Wenn du als Kind oft gehört hast, du seist zu laut, bist du vielleicht besonders aufmerksam geworden. Du hast gelernt, lieber zuzuhören als selbst zu sprechen, dich zurückzunehmen und Konflikte zu vermeiden. Dieses Verhalten hatte einen guten Grund. Es sollte dich schützen – vor Kritik, vor Ablehnung oder davor, nicht dazuzugehören.

Jede Überzeugung hatte einmal eine Funktion. Sie war der Versuch eines Kindes, in seiner Welt gut zurechtzukommen.

  1. Dankbarkeit

Dieser Schritt fällt vielen Menschen schwer und ist gleichzeitig einer der heilsamsten.

Bevor du alte Überzeugungen loslässt, darfst du würdigen, warum sie entstanden sind.

Vielleicht magst du daraus ein kleines Ritual machen. Bedanke dich bei deinem drei- oder achtjährigen Ich. Es hat nach bestem Wissen gehandelt und eine Lösung gefunden, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Vielleicht war Anpassung damals notwendig. Vielleicht hat dich dein Rückzug geschützt. Vielleicht war dein Perfektionismus der Versuch, Anerkennung zu bekommen.

All diese Strategien haben dazu beigetragen, dass du heute hier bist. Sie haben ihre Aufgabe erfüllt. Dafür dürfen sie gewürdigt werden, bevor du sie verabschiedest.

  1. Veränderung

Etwas Neues zu leben, während wir gleichzeitig an alten Überzeugungen festhalten, ist kaum möglich. Deshalb braucht Veränderung neue Gedanken.

Überlege dir ganz bewusst: Wer möchtest du sein? Wie möchtest du über dich denken? Wie möchtest du handeln?

Schreibe diese Gedanken auf. Formuliere sie positiv und möglichst konkret. Nicht: Ich möchte keine Angst mehr haben., sondern: Ich vertraue mir. Ich darf sichtbar sein. Ich sorge gut für mich. Ich setze Grenzen. Ich nehme meine Bedürfnisse ernst.

Diese neuen Gedanken sind keine Zaubersprüche. Sie sind eine bewusste Entscheidung dafür, welche innere Haltung du Schritt für Schritt entwickeln möchtest.

  1. Wiederholen und handeln

Jetzt beginnt der wichtigste Teil.

Unser Gehirn verändert sich nicht durch eine einzige Erkenntnis. Es lernt durch Wiederholung. Jedes Mal, wenn du einen neuen Gedanken denkst, ihn aufschreibst oder laut aussprichst, stärkst du die Verbindung zu diesem neuen inneren Bild.

Noch wirkungsvoller wird Lernen jedoch, wenn du ins Handeln kommst. Denn unser Gehirn lernt besonders nachhaltig durch eigene Erfahrungen. Wenn du dir nur sagst: Ich darf sichtbar sein, bleibt das zunächst ein Gedanke. Wenn du dich aber tatsächlich zeigst, deine Meinung aussprichst oder etwas tust, das du dich früher nicht getraut hättest, erlebt dein Gehirn etwas Neues.

Es sammelt die Erfahrung: Ich habe mich gezeigt – und ich bin trotzdem sicher.

Genau so entstehen nach und nach neue neuronale Verbindungen. Nicht durch Perfektion, sondern durch viele kleine Wiederholungen und neue Erfahrungen.

Also …

Du bist deinen alten Überzeugungen nicht ausgeliefert. Dein Gehirn kann ein Leben lang lernen – und genau das ist deine Chance.

Nutze dein System für dich. Erfinde dich neu, gib deinem System eine Ausrichtung. Sammele neue Erfahrungen, denke neue Gedanken und gehe immer wieder den nächsten kleinen Schritt. So entsteht Veränderung.

Es ist mehr möglich, als du heute vielleicht glaubst.

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