Zwischen Kontrolle und Freiheit – Warum ich heute nicht mehr alles im Griff haben will

Ich packe mal wieder meinen Koffer, und wie so oft ist es eher ein kleines Chaos. Während ich die ersten Dinge hineinlege, fällt mir nach und nach immer mehr ein,

Ich packe mal wieder meinen Koffer, und wie so oft ist es eher ein kleines Chaos. Während ich die ersten Dinge hineinlege, fällt mir nach und nach immer mehr ein, was ich vielleicht noch gebrauchen könnte, und je näher die Abreise rückt, desto größer wird die Sammlung an Dingen, die „zur Sicherheit“ noch mitkommen. Am Ende landen oft noch ein paar lose Sachen im Auto – man weiß ja nie.

Wenn ich fliege, bin ich ein wenig strukturierter, aber auch da merke ich: Ich habe meist keine große Lust mehr, alles bis ins Detail zu durchdenken. Also nehme ich einfach das mit, was ich immer mitnehme, und stelle dann im Urlaub fest, dass ich eigentlich nur die Hälfte davon wirklich brauche.

Doch das war nicht immer so.

Als alles noch unter Kontrolle war

Früher war ich sehr organisiert, fast schon penibel. Ich habe mit großer Sorgfalt nicht nur meinen eigenen Koffer gepackt, sondern auch die meiner Kinder und meines (Ex-)Mannes, und ich wusste genau, wo sich was befand. Alles war durchdacht, sauber und vollständig, und alle konnten sich darauf verlassen, dass ich an alles gedacht hatte.

Manchmal, wenn ich heute eher unmotiviert vor meiner Tasche stehe, vermisse ich diese Form von Ordnung ein wenig. Gleichzeitig – und dieses Gleichzeitig ist mir wichtig – spüre ich eine große Erleichterung darüber, dass dieser innere Druck nachgelassen hat. Denn wenn ich ehrlich bin, war meine Organisiertheit nicht nur eine Stärke, sondern auch Ausdruck eines sehr tiefen Bedürfnisses nach Kontrolle.

Warum Kontrolle sich so sicher anfühlt

In meiner Coaching-Praxis begegne ich diesem Muster immer wieder. Viele Frauen haben gelernt, den Überblick zu behalten, Dinge zu strukturieren und Verantwortung zu tragen, und sie sind oft sehr gut darin. Kontrolle gibt ein Gefühl von Sicherheit, weil sie uns glauben lässt, dass wir alles im Griff haben, dass nichts schiefgehen kann, wenn wir nur aufmerksam genug sind, und dass wir gebraucht werden, solange wir alles zusammenhalten.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch – dieses leise innere Wissen, dass es besser läuft, wenn du dich kümmerst, dass es verlässlicher ist, wenn du die Fäden in der Hand hältst.

Wenn Kontrolle zur Last wird

Gleichzeitig hat dieses Bedürfnis nach Kontrolle eine zweite Seite, die sich erst nach und nach zeigt. Denn je mehr wir kontrollieren, desto mehr bleibt an uns hängen. Verantwortung sammelt sich, andere ziehen sich zurück, manchmal aus Gewohnheit, manchmal aus Frust, manchmal auch, weil sie spüren, dass ihr Raum begrenzt ist. Und so entsteht eine Situation, in der wir zwar alles im Griff haben, aber auch die Verantwortung allein tragen, ständig gefragt werden, alles an uns hängt – und das erschöpft, frustriert und lässt uns alleine zurück.

Der Blick hinter das Muster

Als ich angefangen habe zu verstehen, wie stark dieses Muster mein eigenes Leben geprägt hat, wurde mir auch klar, dass es gute Gründe dafür gab. Bei mir waren es zwei auschlaggebende Punkte: 

  • Das starke Bedürfnis nach Sicherheit, das mit in der Kindheit komplett gefehlt hat.
  • Das Gefühl, nur gebraucht zu werden, wenn ich alles in der Hand habe

Diese Erkenntnis hat keinen Spaß gemacht, aber sie war notwendig, weil sie mir einen neuen Blick eröffnet hat. Weg von der Frage, wie ich noch besser funktionieren kann, hin zu der Frage, was ich eigentlich brauche, um mich sicher und verbunden zu fühlen. Das war der erste wichtige Schritt Richtung Freiraum, Loslassen und Kooperation – denn wirkliche Kooperation ist leider auch nicht möglich, wenn eine/r  immer die Kontrolle braucht.

Vertrauen lernen – Schritt für Schritt

Der nächste Schritt war, Vertrauen zu lernen – in mich selbst und vor allem in andere. Und auch wenn das einfach klingt, ist es ein Prozess, der Zeit braucht, weil Vertrauen immer bedeutet, ein Stück Kontrolle loszulassen und sich auf etwas einzulassen, das nicht vollständig planbar ist.

Ich habe begonnen, kleine Dinge abzugeben, mich selbst dabei zu beobachten und mich immer wieder bewusst dafür zu entscheiden, nicht sofort einzugreifen. Dahinter stand viel Mindset-Arbeit. Und mir haben Gedanken geholfen wie ein bisschen mehr Mut zur Lücke, weniger darüber nachzudenken, was andere vielleicht denken könnten, und die Erlaubnis, dass nicht alles perfekt sein muss, damit es gut genug ist.

Ein kleiner Leitfaden für weniger Kontrolle

Vielleicht hilft es dir, nicht alles auf einmal verändern zu wollen, sondern dich Schritt für Schritt heranzutasten. Diese fünf Impulse können ein Anfang sein:

  • Beobachte dich, ohne dich zu bewerten
    Nimm wahr, in welchen Situationen du besonders stark ins Kontrollieren gehst. Nicht, um es sofort zu ändern – sondern um dich selbst besser zu verstehen.
  • Frage dich ehrlich: Was gibt mir Kontrolle gerade?
    Ist es Sicherheit? Das Gefühl, gebraucht zu werden? Die gefühlt Gewissheit, dass nur du alles schaffen kannst? Klarheit darüber hilft dir, dir selbst auf eine neue Weise zu begegnen.
  • Gib dir selbst die Erlaubnis, unperfekt zu sein.
    Lass bewusst einmal etwas liegen. Gib etwas ab, auch wenn es anders gemacht wird, als du es tun würdest.
  • Vertraue dir und andern
    Du musst nicht gleich alles loslassen. Vielleicht reicht es, in einem Bereich anzufangen und dort neue Erfahrungen zu machen.
  • Gehe auf Augenhöhe
    Erinnere dich: Du bist nicht für alles verantwortlich. Dieser Gedanke darf sich langsam setzen. Verantwortung darf geteilt werden.

Was ich heute gewinne

Heute zeigt sich das ganz praktisch in vielen kleinen Momenten. Ich packe meinen Koffer weniger strukturiert, ich weiß nicht mehr genau, was in jeder Kiste im Keller liegt, und ja, manchmal ist es auch einfach unordentlich. Gleichzeitig habe ich etwas gewonnen, das für mich viel wertvoller ist: mehr Freiheit im Alltag und vor allem Beziehungen, in denen Verantwortung nicht mehr einseitig verteilt ist, sondern geteilt werden darf.

Und wenn die Kontrolle zurückkommt?

Und natürlich ist dieses alte Muster nicht einfach verschwunden. Es gibt Momente, in denen mein „Kontroll-Ich“ wieder auftaucht, und manchmal ist das sogar hilfreich. Der Unterschied ist, dass ich heute anders damit umgehe. Ich nehme es wahr, ich erkenne es an, und ich entscheide bewusst, wie viel Raum ich ihm geben möchte.

Denn vielleicht ist das die ehrlichste Form von Veränderung: nicht zu versuchen, etwas vollständig loszuwerden, sondern einen neuen Umgang damit zu finden.

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